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„Entdeckungsreise im Nachbarland"

Deutsche und Französische Berufsschüler sammelten Erfahrungen für ihr Leben - Dez 2002

Organisation des Austausches
Das „Deutsch-Französische Sekretariat" in Saarbrücken unterstützt den Austausch von ca. 150 Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Berufsschulen finanziell und personell. Zielgruppe des DFS sind junge Leute in der Berufsausbildung, die einen Einblick in die Lebens- und Arbeitsweise des jeweiligen Gastlandes speziell in ihrem Berufsfach erhalten wollen.


Diesmal hat im Auftrag des Sekretariats der Sprachenstudent Eric Kamga aus Kamerun mit Unterstützung von Gertrud Engels die französischen Bau-Lehrlinge für drei Wochen im Landkreis Bad Kissingen betreut. In Valence teilten sich Renate Hennig und Dorothea-Heuer-Kretschmer die Begleitung der deutschen Gastronomie-Schüler.

Partner der Berufsschule Bad Kissingen sind die CFAs (Centre de Formation d'Apprentis) in Livron (Departement Drôme). Auch dort gilt das duale System, die Kooperation von betrieblicher und schulischer Ausbildung.

Seit 13 Jahren gibt es den deutsch-französischen Austausch von Gastronomie-Schülern zwischen dem CFA „Lucien Ravit' (Dienstleistungen) und der Berufsschule Bad Kissingen.

Etwas jünger ist der Austausch von Lehrlingen in Bauberufen, der über das CFA Batipole organisiert wird. Die institutionellen Partner auf deutscher Seite sind der Hotel- und Gaststättenverband Haßberge, sowie die Kreishandwerkerschaft Bad Kissingen.

Der Austausch würde ohne engagierte Mentoren nicht funktionieren. Beim CFA Batipole ist dies z. B. Monsieur Jean-Marie Busseuil, IHK-Präsident in Valence und Chef der Schulträgerorganisation „Afobat". In Bad Kissingen fördern Berufsschuldirektor Hans-Joachim Kaiser sowie Gerd Schießer, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, und Alfred Austel vom Hotel- und Gaststättenverband die deutsch-französischen Beziehungen. Anton Schick, Obermeister der Bauinnung und Kreishandwerksmeister, sowie Bad Kissingen/Valence. Die erste Auster im Leben ist oft auch die letzte. „Hoffentlich schleimt sie sich nicht wieder hoch", würgt eine Gastronomie-Schülerin aus der Rhön. Anderen hingegen mundete die salzig glibberige Schlürf-Probe aus der grauen Schale am Strand von Bouzigues.

Die dortige Austern-Kultur an der französischen Mittelmeerküste bei Sète war Ziel einer kulinarischen Entdeckungsreise, auf die sich angehende Köche, Hotel- und Restaurantfachleute der Berufsschule Bad Kissingen begeben hatten.

Kühne Expertinnen unter ihnen behaupteten später sogar, dass der Geschmack frisch aufgebrochener See-Igel dem von Austern vorzuziehen sei. „Mindestens einmal probieren gehört zum Pflichtprogramm", lacht Lehrerin Renate Hennig, die den Trupp Kissinger Gastronomie-Schüler nach Südfrankreich ins Rhone-Tal und ans Mittelmeer begleitete. Mit ihren 14 jungen Leuten besuchte sie eine Ziegenkäserei, das Schuhmuseum in Romans, die Olivenmühle in Nyons, einen Weinkeller im Gebiet von Vinsobres und natürlich die Trüffelkultur bei Grignan. Nach vier Tagen intensiver Schnupper-Tour durch das Departement Drôme, bei der Anfang November in bester Sonnenschein-Stimmung allerlei feste und flüssige regionale Produkte verkostet wurden, kam die dramatische Wende.

Großklappen verfielen ins Schweigen, Schüchterne klammerten sich an ihre Kuscheltiere. Die Gruppe wurde auseinander gerissen und es ging für zwei Wochen an die Arbeit in verschiedenen Restaurants und Hotels der Departements Ardèche und Drôme rechts und links der Rhône. Deutsch-Französischer Schüleraustausch nennt sich das und ist vergleichbar mit einem höchst empfindlichen Blätterteig, der nicht immer perfekt aufgeht.

Zur gleichen Zeit wie in Valence wurden nach der Erkundung fränkischer Spezialitäten, der Besichtigung von Großbaustellen (Heilbadelandschaft) und Firmen wie Hanse-Haus und Schick-Betonwerk französische Lehrlinge aus dem Baugewerbe bei einem geselligen Abend in Bad Kissingen auf ihre Familien und Firmen „verteilt", wie es so schön heißt. Dabei war dann sichtlich auch manchem hart gesottenen „Mec" unter der kessen Kappe merkwürdig mulmig zu Mute.

Den Familien und Firmen, die hier wie dort junge Leute aus dem Nachbarland aufnahmen, ging es ähnlich. Wird der Franzose unser Essen mögen? Und: Passen die Deutschen in unsere Service- und Küchenteams? Überhaupt: Kriegen wir das mit der Verständigung hin? Es gehört schon eine optimistische Portion Mut von allen beteiligten Seiten dazu, für zwei Wochen ein solches Wagnis einzugehen.

Doch hier wie dort wird keine Gastfamilie und keine Firma bei eventuellen Problemen allein gelassen. Der Schüleraustausch ist inzwischen sehr gut organisiert (*siehe Kasten). Er wird von sprachkundigen Begleitern betreut, die nahezu rund um die Uhr erreichbar sind. Sie helfen in sämtlichen Situationen.

Die deutschen wie die französischen jungen Leute schätzen die Erfahrungen im jeweils anderen Land trotz des einen oder anderen Malheurs positiv ein. Da wünschte mal das Personal eines Restaurants in Tain l'Hermitage ein typisch deutsches Essen „mit Spätzle", in Livron war ein „bayerischer Abend" fällig. Die Erlebnisse im Nachbarland werden noch lange nachwirken.

Die Gastronomie-Leute verständigten sich wie die Bau-Schüler mit Händen und Füßen, oft mit Englisch. Gelegentlich fertigte man sich auch gegenseitig Zeichnungen von Werkzeugen an und notierte die Begriffe dazu. Die Grundvokabeln waren dank des vorherigen Sprachunterrichts schnell erlernt. Jede Chance, fachlich Neues kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen und Diskotheken zu so wie die Erfahrungen auf den Baubesuchen, wurde genutzt. Die neuen Erfahrungen haben die Leute für Ihr Leben geprägt.

Während die Organisation im Bausektor problemlos verläuft, hakt es derzeit auf südfranzösischer Seite ein wenig in der Gastronomie-Abteilung der Partnerschule.

Die gestandene Garde der engagierten Initiatoren des Schüleraustausches wie Jean Maisonneuve, Jean Clutier und Jean Brouchard vom Hotel- und Gaststättenverband befindet sich in den fortgeschrittenen Gefilden und die Nachfolger am CFA (*siehe Kasten) tendieren offenbar eher zu englischsprachigen Kontakten. Ferner setzt die Einführung der 35-Stunden-Woche in Frankreich gerade außerschulischen Aktivitäten enge Grenzen.

In Livron ist das Bemühen, die jahrelang gepflegten Kontakte zu erhalten und auch Nachfolger in der schulischen Hierarchie wie in der von Wirtschaftsverbänden für den Schüleraustausch zu gewinnen, auf allen beteiligten Seiten ernsthaft zu spüren. Deutschland und Frankreich sind nach wie vor einander die wichtigsten Handelspartner auf dem Kontinent. Sie dürfen sich im komplizierten europäischen Geflecht trotz aller Konflikte und Unterschiede in der Mentalität auch kulturell nie aus den Augen verlieren. Europa ist freilich sehr viel größer als Deutschland und Frankreich, aber die Mitte muss stabil bleiben.

Wer miterlebt hat, wie nach nur drei Wochen Schüleraustausch bei der Verabschiedung in Valence und Bad Kissingen Küsschen hin und herflogen und die Tränen flossen, wird diesbezüglich ziemlich zuversichtlich sein.

 

Stand 01.02.2006